Hinweis: Dieser Text ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Diagnose oder Behandlung und stellt keine Rechtsberatung dar.
„Warum bist du plötzlich so ängstlich?“ Viele Eltern erleben es, wenn ihre Kinder zwischen sechs und acht Jahren alt sind. Mutige und unbeschwerte kleine Menschen haben auf einmal Angst: Vor der Dunkelheit, Monstern, Spinnen, dem Alleinsein oder anderen Situationen, die vorher völlig unproblematisch waren.
Was sich für die Eltern ungewöhnlich anfühlt, ist ein häufiges Entwicklungsphänomen und hängt mit einem wichtigen Reifungsschritt im Gehirn zusammen.
Der „kritische Filter “in der kindlichen Entwicklung
Im Alter zwischen etwa sechs und acht Jahren verändert sich die Wahrnehmung von Kindern deutlich. Sie beginnen, ihre Umwelt bewusster zu bewerten und nicht mehr nur unmittelbar und spielerisch zu erleben.
Dieser Entwicklungsschritt wird oft als „kritischer Filter“ beschrieben. Denn Kinder lernen:
– Gefahren bewusster einzuschätzen
– mögliche Risiken vorherzusehen
– sich Situationen vorzustellen, die noch nicht real eingetreten sind
Damit wächst ihre Vorstellungskraft – und gleichzeitig die Möglichkeit, sich Dinge auszumalen, die Angst auslösen können.
Wenn Fantasie und Realität verschwimmen
In dieser Entwicklungsphase ist die Grenze zwischen Vorstellung und Realität noch nicht vollständig stabil. Kinder können sich sehr lebhaft Situationen vorstellen, die sich für sie real und bedrohlich anfühlen.
Typische Ängste in diesem Alter:
– Angst vor Dunkelheit
– Angst vor Tieren wie Spinnen
– Verlustängste (z. B. Trennung von den Eltern)
– Albträume und intensive Träume zur Verarbeitung des Alltags
Auch der Schlaf spielt eine wichtige Rolle: Emotionale Eindrücke werden verarbeitet und können sich in beängstigenden Träumen zeigen.
Angst ist ein normaler Teil der Entwicklung
Gut zu wissen: Angst in dieser Phase ist kein Rückschritt, sondern ein normaler Entwicklungsschritt. Das Kind wird bewusster, empfindsamer und beginnt, die Welt differenzierter wahrzunehmen.
Wie Eltern richtig reagieren können
Der wichtigste Grundsatz dabei lautet: Gefühle ernst nehmen statt abwerten.
1. Angst ernst nehmen
Vermeiden Sie Sätze wie „Das ist doch nicht schlimm“ oder „Das bildest du dir nur ein“.
Besser ist:
– „Ich sehe, dass dir das Angst macht.“
– „Ich bin bei dir.“
– „Das fühlt sich gerade wirklich schlimm an.“
2. Sicherheit vermitteln
Kinder brauchen in Angstsituationen emotionale Sicherheit:
– körperliche Nähe
– ruhige Begleitung
– schaffen Sie eine sichere Umgebung (z. B. Nachtlicht)
3. Nicht argumentieren, sondern begleiten
Angst lässt sich selten rational „wegreden“. Viel wirksamer ist es, das Kind emotional zu begleiten.
4. Gefühle benennen
Das Benennen von Emotionen hilft Kindern, ihre innere Welt besser zu verstehen:
– „Du hast dich gerade erschrocken.“
– „Das war ein starkes Gefühl.“
5. Geduld haben
Ängste können phasenweise auftreten und sich auch wieder verändern oder verschwinden.
Der kritische Filter ist ein wichtiger Entwicklungsschritt und bringt dennoch Unruhe in das Familienleben. Umso wichtiger, dass Sie Ihrem Kind Sicherheit, Verständnis und emotionale Begleitung geben. Denn ein Kind, das sich ernst genommen fühlt, kann lernen, mit seinen Ängsten gesund umzugehen und Vertrauen in sich und seine Umgebung zu entwickeln.
Haben Sie dazu noch Fragen oder wünschen Sie sich ein weiterführendes Gespräch – ob mit oder ohne Ihr Kind – in meiner Praxis in Rosdorf bei Göttingen? Sprechen Sie mich gerne an, ich freue mich auf Sie.